Für viele Menschen ist die Funktion von Musik viel wichtiger als ihre Qualität.

Ein Sänger meinte mal dazu: Nicht die Frage: "Ist die Musik gut?“ sei wichtig, sondern die Frage: "Wofür ist die Musik gut?“

Man wird nie einen Goldfisch im Walzertakt tanzen sehen, weil es nicht die Töne eines Walzers, sondern die Beziehungen zwischen diesen Tönen sind, die einen Körper tanzen lassen. Diese Beziehungen nicht zu erfassen, der  Beobachtung nicht zugänglich, schwierig zu beschreiben sind die eigentliche Musik, nicht die Schwingungen der Luftmoleküle, die von Musikinstrumenten erzeugt werden. Die Schallwellen, die die Musik eines Orchesters zu unseren Ohren transportieren, beinhalten keine Empfindung, nur Muster.

Nur in einem Gehirn, das diese Muster verarbeiten kann, entstehen bedeutungsvolle Empfindungen. Leistet ein Gehirn das nicht, passiert nichts, und daher erfährt ein Tier seine Umwelt weit ärmer als wir.

Klänge entwickeln sich zeitlich und bewegen sich. Bewegung ist die ursprüngliche Aufgabe des Nervensystems. Unser Denken führt zu Bewegung, und das Denken ist es, das wir mit "ich" bezeichnen, es ist unser selbst.

Musik erreicht unser Ohr und bewirkt im Gehirn einen Strom von Antizipationen durch den wir Melodie, Harmonie, Rhythmus und Form mit Sinn erfüllen.

Indem Musik diese Antizipationen hervorruft, knüpft sie an die tiefsten Ebenen unserer Intentionen an und nimmt uns so in Besitz.

Wenn uns Musik in Ekstase versetzt vermittelt sie uns die Möglichkeit, Beziehungen zu erfahren, indem sie dem Gehirn eine künstliche Umwelt schafft und es so in kontrollierte Denkbahnen zwingt. 

Bei einer genialen Komposition ist jede Note sorgfältig ausgewählt, um Unterstrukturen für außergewöhnlich tiefe Beziehungen zu bilden. 

In dieser perfekten Welt kann unser Gehirn größere Verständnisstrukturen aufbauen, als das in der Alltagswelt jemals möglich ist, und so allumfassende Beziehungen wahrnehmen, die viel tiefer sind als die unserer Alltagserfahrung.

Aus diesem Grund kann Musik eine transzendente Erfahrung sein, für wenige Augenblicke macht sie uns größer, als wir sind, und bringt Ordnung in eine Welt, die in der Realität kaum vorhanden ist.

Wir reagieren dabei nicht nur auf die Schönheit ihrer inneren Beziehungen, sondern es befriedigt uns schon, dass wir sie wahrnehmen können. Wenn unser Gehirn auf diese Weise bis an die Leistungsgrenze gebracht wird, dann fühlen wir, wie sich unser Dasein erweitert, und erkennen, das es da mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können, und das ist Grund genug für Ekstase

Letzten Endes ist, war und wird Musik niemals besser sein als das Publikum, das ihr lauscht.

 

Zusammenfassung von Robert Jourdain: Das wohltemperierte Gehirn – Wie Musik im Kopf entsteht und wirkt, 2001 © Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin

http://www.elsevier.de